Frauen im Senegal 1

Kindheit im Senegal

In den ersten beiden Lebensjahren fallen zwei Unterschiede zu westeuropäischen Kindern deutlich auf: Senegalesische bzw. westafrikanische Kinder werden wesentlich länger gesäugt und lange auf dem Rücken der Mutter oder einer älteren Schwester getragen.
Eine Stillzeit von zwei und mehr Jahren ist verbreitet; die Kinder bekommen zumeist die Brust, wenn sie dies wollen. Ein Kind in der Öffentlichkeit zu stillen, ist eine normaler Vorgang; die Brust ist in weit geringerem Maße sexuell besetzt als in der europäischen Tradition.

   

Fest im Tuch auf den Rücken gebunden, werden die Kleinen überall mitgetragen: Zur Feldarbeit, zum Einkaufen, beim Kochen, zum Fest etc. So halten sie lange engen Körperkontakt zur Mutter und erleben ihre Bewegungen und Rhythmen (Hirsestampfen, Tanzen, Feldarbeit) unmittelbar mit.
Die prägenden Auswirkungen beider Faktoren auf die emotionale und psychische Entwicklung der Kinder sind schwer abzuschätzen. Der subjektive Augenschein lässt den Eindruck aufkommen, dass Kinder in Afrika weniger quengelig und unzufrieden sind. Lange und unbequeme Autofahrten z.B. ertragen senegalesische Kinder deutlich klagloser als deutsche.

Sobald das Kind nicht mehr getragen wird, ist die schöne Zeit vorbei und der enge Kontakt zur Mutter findet ein jähes Ende. Einmal auf dem Boden abgesetzt, überlässt die Mutter das Kind den Geschwistern und Mitfrauen. Niemand kümmert sich mehr sonderlich um es; im Tragetuch der Mutter räkelt sich jetzt ein neues Geschwisterchen. Beim Essen kommt das Kind oft zu kurz, und wenn eine Hungersnot ausbricht, gehört es zu den ersten Opfern. –
Erstaunlich früh und schnell beginnt das westafrikanische Kind zu laufen; eine Krabbelphase ist sehr kurz oder auch gar nicht vorhanden; eine für die frühe Entwicklung notwendige Phase scheint sie im Senegal nicht zu sein.

Rollenzuweisungen beginnen früh; sich um die jüngeren Geschwis-ter zu kümmern, ist Aufgabe der etwas älteren Mädchen, die damit die Mutter entlasten, die vielleicht wieder schwanger ist.
Zur Hilfe bei den Arbeiten im Haus (Wasser holen, Feuerholz besorgen, den Hof morgens fegen, Wäsche waschen, Essen mitzubereiten, Geschirr spülen, kleine Besorgungen machen, Hirse stampfen etc.) werden die Mädchen, nicht die Jungen herangezogen, die über mehr freie Zeit verfügen und über mehr Freiheiten.

In der Schulzeit setzt sich die Rollenteilung fort und schränkt die Mädchen zunehmend ein. Nicht nur, dass viele Eltern, vor allem im ländlichen Senegal, Schulbesuch und Bildung für Mädchen nicht als sinnvoll ansehen, auch die Alltagspflichten bleiben nahezu die selben für die schulpflichtigen Mädchen. Im Entscheidungsfall ist die Arbeitskraft der Tochter im Haus und auf dem Feld wichtiger als die Schule: Das Mädchen bleibt also zu Hause. Zwar herrscht im Senegal eine Schulpflicht, doch überprüft und sanktioniert wird diese nicht. Die üblicherweise in den Klassenräumen oder Schulleiterbüros ausgehängten Statistikblätter zeigen den kontinuierlichen Rückgang der Zahlen der Schülerinnen. Neben der Bildungsferne der Elternhäuser und dem fehlenden Geld spielen hier frühe Schwangerschaften, frühe Heiraten und die Landflucht eine Rolle. Kein Wunder, dass die Alphabetisierungsrate bei den Frauen deutlich niedriger liegt als bei den Männern.

An fast jeder Schule sieht man diese von UNICEF und anderen Organisationen aufgestellten Schilder, die mit jeder Regenzeit unleserlicher werden. Leider stehen dem unterstellten Kinderwillen gerade bei den Mädchen viele Hindernisse entgegen, für deren Beseitigung der Aufwand sinnvoller wäre als für das Aufstellen der Blechschilder.

Schmutzige Schultoiletten ohne Türen schrecken viele Mädchen ab; Angst vor Belästigungen durch die Jungen kommt hinzu und macht den täglichen Schulbesuch nicht attraktiver.

 

Wie Umfragen zeigen, zieht die Mehrheit der jungen Frauen im Senegal die Monogamie der noch verbreiteten polygamen Ehe vor.

Faktisch finden sich viele dieser Frauen irgendwann doch in einer polygamen Verbindung wieder. Ihre Vorstellungen stimmen nicht mit denen der Männer überein, das Versorgungsdenken spielt eine entscheidende Rolle, die Auswahl an Partnern ist für Frauen in ländlichen Gegenden gering und der Druck der Eltern und der Gesellschaft kann sehr stark sein. Eine unverheiratete und kinderlose Frau genießt nicht viel Ansehen in der senegalesischen Gesellschaft.

Männerarme Haushalte sind besonders auf dem Land häufig anzutreffen; die arbeitsfähigen Männer sind in den Städten, in Dakar an erster Stelle, oder im Ausland und schicken mehr oder weniger regelmäßig Geld an ihre Familien.
Die Frauen kümmern sich um die Kinder und um alle anfallenden Probleme und müssen zwangsläufig eine höhere Selbstständigkeit entwickeln. Sie versuchen auf den kleinen Märkten mit dem Verkauf von irgendwelchen Waren etwas Geld zu verdienen. In der Stadt gekaufte Kleidung oder Kosmetika können hier mit einem kleinen Gewinn weiterverkauft werden. Auch das angebaute Gemüse, die Früchte, geröstete Erdnüsse etc. werden in kleinen Mengen geduldig auf dem Dorfmarkt angeboten.

    

Das offene Feuer im Vordergrund, auf dem der typische senegalesische Tee (eigentlich ein grüner chinesischer Tee) gekocht wird, ist Ursache vieler Unfälle mit Verbrennungen und Verbrühungen in den Haushalten. Das einfache Eisengefäß steht nicht sicher auf dem Boden und fällt bei einem kleinen Stoß um.
Dies geschieht schnell, wenn die Kinder in der Nähe herumtollen. Heißes Wasser, Öl oder auch einfach die glühenden Kohlen führen zu Brandverletzungen, die zudem meist nicht sachgerecht behandelt werden können.

Zöpfe flechten ist eine beliebte Beschäftigung bei den Frauen. Den kleinen Mädchen wird das krause Haar eng an der Kopfhaut zu Flechtspuren oder zu antennenartig abstehenden Haarbündeln verdreht. Frauen lassen sich Kunsthaarsträhnen einflechten. Das relativ kurz wachsende Haar der Afrikanerinnen wird gerne durch Perücken in westlichem Haarstil verdeckt. Eine Kunsthaarindustrie in Westafrika versorgt die Boutiquen mit unterschiedlichsten Haarmodellen, die je nach Umfang und Mode nicht gerade billig sind. Die frisurbezogene Vorbereitung einer Braut auf das Hochzeitsfest nimmt viele Stunden in Anspruch und kostet sehr viel Geld. 

 

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Zeitungsartikel:

Louga – Schulbesuch: 80 % der Schülerinnen der Mbayebé-Grundschule sind verheiratet

Die Schule in Mbayebé läuft Gefahr, wegen der vielen Abgänger von der Schullandkarte gestrichen zu werden. Das Phänomen betrifft vor allem die Mädchen, die nämlich früh verheiratet werden.

Der Kampf für den Verbleib der Mädchen in der Schule ist bei weitem nicht gewonnen im Departement Louga. Die Grundschule von Mbayebé in der Landgemeinde Gandé ist dafür ein Beispiel. 80% der Mädchen dieser Anstalt sind zur Zeit verheiratet und werden wahrscheinlich vor Abschluss ihrer Schullaufbahn die Klassen endgültig verlassen.
Seit zwei Jahren bemüht sich der Schulleiter Mamadou Lamine Bandian in diesem Kampf um den Verbleib der Mädchen an der Schule, die erst 2003 gegründet wurde.
Eine Situation, die viele beunruhigt. Denn bei einer Schülerzahl von 13 Schülern pro Klasse, davon neun Mädchen, haben die sieben älteren – zwischen sieben und zehn Jahre alt – einen Ehemann. Von drei festgestellten Schulabgängen haben zwei ihre Ursache in frühen Heiraten. „Diese Situation rührt aus der Tradition der Peulh-Gesellschaft, die ihre Mädchen schon in jungen Jahren verheiraten“, erläutert Penda Ba, eine Verwandte von Schülern.
Im Peulh-Dorf Mbayebé mit seinen etwa 400 Einwohnern, ein Kilometer nördlich des Hauptortes der Landgemeinde Gande, stellen die frühen Heiraten immer noch die wichtigste Beschränkung für den Schulbesuch der Kinder dar. Deshalb initiiert M. Bandian mit der Unterstützung von APE (einer Pädagogengruppe) Sensibilisierungsaktionen für die Eltern, um einen Wandel der Einstellungen und des Verhaltens zu bewirken. „Die Situation ist nicht einfach, es gibt noch viele Hindernisse, obwohl die Aktionen schon andauern. Aber wir lassen die Arme nicht hängen; so versuchen wir mit unseren Initiativen, vor allem den feierlichen Auszeichnungen der besten Schüler, die Eltern dazu zu bringen, den Sinn der schulischen Bildung einzusehen und zu unterstützen“, fährt er fort. Unter anderen hemmenden Faktoren kann man die nomadische Weidewirtschaft hervorheben, die viele Fälle von Schulabbruch nach sich zieht. Die Schule, die nur eine provisorische Unterkunft darstellt, leidet an vielen Übeln: fehlende Schulbänke, fehlendes Wasser, mangelnde Ausrüstung der Schüler etc.
Der Schulleiter hat verschiedene Initiativen eingeleitet, die nun beginnen, Wirkung zu zeigen.

Le Soleil (30.6.2005) Ousmane Bengue

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