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Ecole Patate 2014

Kurz vor meinem Besuch in Ziguinchor im Januar 2014 war vom Verein Makoi für den Weiterbau eines Klassenraumes Geld überwiesen worden. Der kleine Verein in Gelsenkirchen hatte sich vor einigen Jahren aus Mitgliedern einer Trommelgruppe gebildet, die von Aladji Touré, einem langjährigen Freund des Lehrers Max Sagna, unterrichtet wurden. Vor zwei Jahren war über Makoi eine Wasserpumpe mitfinanziert worden, nun war genügend Geld zusammengekommen, um einen begonnenen Klassenraum fertigzustellen, der eine Bastmattenklasse ersetzen würde. Max hatte an diesem Tag viel Zeit, da wieder einmal ein großer Teil der Lehrer streikte; worum es dabei ging, blieb irgendwie unklar…

Jedenfalls hatten wir Zeit und Ruhe, über das Schulgelände zu gehen, mit den anwesenden Kollegen zu sprechen und den zu renovierenden Klassenraum anzuschauen. Mit Hilfe von Handicap International sind nun einige Toiletten renoviert und eine mit einer Rampe für Rollifahrer versehen worden. Die Lehrertoilette ist nun nur noch mit einem Schlüssel zugänglich. Ein Schild am Schulbau weist auf die seit kurzem praktizierte Inklusion hin, die, wie Max sagt, nicht unproblematisch sei. In jeder Klasse gebe es mindestens einen behinderten Schüler. Für die Integration dieser mitunter sehr problematischen Kinder seien die Lehrer nicht vorbereitet oder ausgebildet worden. Wollte er sich wirklich um den geistig zurückgebliebenen Schüler in seiner Klasse kümmern, würde der Unterricht für die 55 anderen Schüler darunter leiden.

Max bestand darauf, dass ich am nächsten Tag noch einmal zur Schule kommen sollte, um einige Photos von den dann beginnenden Bauarbeiten zu machen. Zudem würden mir die Rechnungen über die Materialkäufe und die Handwerkskosten ausgehändigt und zur Vorlage beim Verein mitgegeben. Wie im letzten Jahr endete der erste Besuch an der École patate in der nahen Eckkneipe "Les Copains" bei einem Gazelle…

        

Bei einem Treffen am nächsten Nachmittag erörterten Max, sein Kollege Oskar und ich die Chancen zur Beschaffung der für die Abschlussprüfungen der SchülerInnen nötigen Papieren sowie die Möglichkeit von Schülerpatenschaften.
Die Beschaffung der Papiere stellte sich als weit komplizierterer Vorgang dar, als ich gedacht hatte. In den unterschiedlichen Herkunftsorten bzw. Landgemeinden werden unterschiedliche Anforderungen an den Identitätsnachweis gestellt und unterschiedlich hohe Gebühren gefordert. Meist wird eine Kopie der carte d'identité (der Entsprechung zum deutschen Personalausweis) zumindest eines Elternteils gefordert. Da die Eltern oft nicht auffindbar sind, scheint das Problem unlösbar. Auch ein Nachweis, dass noch keine Papiere für den Schüler ausgestellt wurden, ein extrait de non-inscription, ist nicht einfach zu bekommen.
       
Die Alternative besteht darin, mit mindestens zwei Zeugen und dem Schüler in der préfecture bzw. dem tribunal zu erscheinen und die Identität des Kindes so offiziell bestätigen zu lassen - ein enormer Aufwand. Hatte ich vor der Reise daran gedacht, mich einige Tage in Begleitung eines Senegalesen der Papierbeschaffung widmen zu können, wurde dieser Plan nun, je länger Max erzählte und dabei mit verschiedenen Kollegen in den entsprechenden Orten telefonierte, immer unrealistischer. Ich hatte kurz vorher die Listen der Schüler gesehen, die an der école patate keine Papiere haben: es waren etwa ein Drittel, teils mehr in jeder Klasse.

                                                             

Es blieb mir etwas unverständlich, wie die Lehrer seit Jahren mit ansehen konnten, dass ihre erklärtermaßen oft lernfähigen und lernwilligen ausweislosen SchülerInnen ohne Abschlusszertifikat ihre Schulkarriere beendeten. Ist dies denn nicht auch als Fiasko der eigenen Lehrerleistung zu verstehen? Wie kann ich mich als Lehrer jahrelang um die Lernfortschritte von SchülerInnen bemühen mit dem Wissen, dass diese hierüber keine schriftliche Bestätigung, kein Abschlusszeugnis bekommen werden? Dass eine Fortsetzung der Schullaufbahn damit unmöglich ist? Eine der widersprüchlichen Situationen wie sie oft im Senegal anzutreffen sind. Jedenfalls wurde klar, dass in meiner Reisezeit wohl keine Möglichkeit bestand, hier durch Eigeninitiative zu schnellen Ergebnissen zu kommen. So ließ ich diese Angelegenheit erst einmal stehen bzw. versuchte sie mit der zweiten Idee zu verbinden, die ich mitgebracht hatte.

   

Viele in Afrika engagierte deutsche Vereine bieten ihren Mitgliedern die Möglichkeit an, Schüler- oder Schulpatenschaften zu übernehmen. Bei dieser im Prinzip sinnvollen Unterstützungsform besteht das Problem darin, zwischen der von den Paten meist gewünschten individuellen Förderung und Beziehung und dem Wohl der Klassen-/Schul- oder gar Dorfgemeinschaft ein Gleichgewicht zu finden. Besser gestellte Patenkinder in einer Klasse provozieren den Neid der anderen und schaffen ein ungutes Klima in den Gruppen.

Im Gespräch mit Max und Oskar stellten wir zum einen Gruppenbedürfnisse, zum anderen individuelle Bedürfnisse heraus, die beide mit den Patenschaftsgeldern bestritten werden könnten. So sollten mit den zur Verfügung stehenden Patengeldern für die ganze Klasse die monatlichen Kantinenkosten, die jährlichen Einschreibegebühren, Materialkosten (Hefte, Stifte) und weitere Gemeinschaftskosten bezahlt werden; für den einzelnen Schüler sollte darüber hinaus weiteres Lernmaterial, eine evtl. medizinische Betreuung (z.B. Brille) und die ggf. nötige Beschaffung der fehlenden Papiere sichergestellt werden. Mit den Mitteln könnten ferner die Lernbedingungen in der häusliche Situation verbessert werden (Kosten für Kerzen, eine Lampe, einen Tisch etc). Hierzu ist der Kontakt zum Elternhaus bzw. zu den Verwandten nötig.

Diesen würde - ebenso wie die Betreuung/Verwaltung der Gelder vor Ort - Oskar übernehmen. Die Auswahl der Patenschüler, darin besteht schnell ein Konsens im Gespräch, sollte über die von den Lehrern zu bewertende Leistung und Lernfähigkeit sowie den Grad der Bedürftigkeit erfolgen. Auch ein jährlicher Kurzbericht für die Paten über die Entwicklung der Lernfortschritte des Kindes sollte das Projekt beinhalten.
Das im Viertel Lyndiane liegende neue Hotel "Casa Verde" hatte sich für das Treffen angeboten und wir beendeten im schattigen Innenhof die Besprechung mit einem gemeinsamen Abendessen.