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Ecole Patate 2013

Eigentlich heißt die Schule im Quartier Lyndiane schlicht "Lyndiane 3", doch ist sie bei den Einheimischen bekannter unter dem Namen "Kartoffelschule", école patate. Sie wurde auf den ehemaligen Kartoffelfeldern dieses Vorortes von Ziguinchor gebaut, der an den Busch grenzt. Dem Taxifahrer war die Bezeichnung vertraut, der Weg dorthin allerdings zu holperig, so dass er es vorzog, mich an einer anderen Schule in der Nähe abzusetzen mit dem Hinweis, die "école patate" sei gleich dahinter… Dahinter waren einfachste Hütten, keine Schule; ich rief Max an, den Lehrer, mit dem ich verabredet war und der mich mit seinem Mofa kurzerhand abholte - eine sehr holperige Fahrt von knapp 10 Minuten über tief gefurchte Sandwege und durch enge Hinterhöfe. Neben dem CEM liegen die drei Steinbauten mit Wellblechdächern und zwei Bastmattenräume, in denen die 600 Schüler der "Kartoffelschule" in 8 Klassen unterrichtet werden. Die Schule hat keinen Stromanschluss; man schaut über die Sandfläche des Sportgeländes auf den Busch, ein dichter grüner Streifen einige hundert Meter entfernt.

2010 drangen die Rebellen bis zu diesem Busch vor. Sie lieferten sich mit den nahe der Schule stationierten Soldaten Schusswechsel, die auch am Schulgebäude bis heute sichtbare Spuren hinterließen. Wenn es knallte, sagt Max, rannten die Schüler aus der Schule nach Hause, kamen einige Tage nicht zum Unterricht, bis es hieß, dass die Rebellen sich verzogen hätten. Die meisten der Schüler kamen hierher auf der Flucht vor den Rebellen, die seit 2007 wieder aktiv wurden und 2 Jahre später die nahen Dörfer im Süden Ziguinchors beschossen und plünderten. Teils haben sich die geflohenen Familien am Stadtrand von Ziguinchor niedergelassen, mehr oder weniger provisorisch, teils wurden die Kinder von den Eltern bei Verwandten oder Freunden in Ziguinchor untergebracht, die Eltern selbst blieben bis zum letztmöglichen Moment in den Heimatdörfern. Hier hatten sie ihre Felder und Hütten, ihren einzigen Besitz, den sie nicht aufgeben wollten. Manchen wurde dies zum Verhängnis: viele der Kinder sind Waisen oder haben jahrelang nichts von ihren Eltern gehört.

Max Sagna unterrichtet seit 2009 an der école patate; zuvor war er 10 Jahre Lehrer in einer Dorfschule nur 6 Kilometer von Ziguinchor entfernt, bis das Dorf wiederholt unter Beschuss geriet. Dort waren die Klassen kleiner, das Unterrichten einfacher. Zur Zeit gibt das statistische Blatt, das in jedem Klassenraum der école patate aushängt, für Max' Klasse 56 Schüler an, 25 Jungen, 31 Mädchen, 13 Schüler fehlen heute. Da fast alle der alten Zweier-Bänke belegt sind, müssen sich wohl mehrere Schüler eine Bank teilen.
Auf Schiefertafeln wird mit Kreide konzentriert geschrieben, die Tafel mit dem Ergebnis hochgehalten. Auch Hefte werden benutzt, doch ist die Verwendung von solchem Lernmaterial nicht selbstverständlich. Die Tutoren - die Verwandten bzw. Familienfreunde der Kinder - sind oft nicht in der Lage oder willens, mehr als das Notwendigste für die ihnen anvertrauten Kinder auszugeben.

Das Notwendigste ist das Essen; Geld für Hefte, Stifte etc. kommt viel später. Zwar gibt es eine Schulkantine, in der Mütter die von PAM (Programme Alimentaire Mondial) zur Verfügung gestellten Nahrungsmittel - meist Reis, Öl, Linsen - zubereiten und gegen 11.00 Uhr austeilen. Dies kostet lediglich 200 CFA pro Kind monatlich, also 30 Cent, doch selbst diese geringe Summe können viele Kinder nicht mitbringen. Einige clevere Jungen, erzählt Max, suchen auf den Abfallfeldern nach Altmetall, das sie verkaufen können. Von dem Geld wird ein Stück Brot mit Linsenaufstrich gekauft und in einem Winkel unauffällig verzehrt.

Schulmaterial wird z. T. auch von Unicef, vom Roten Kreuz oder anderen Organisationen bereitgestellt; doch dies erfolgt unregelmäßig und in nicht ausreichenden Mengen. Es ist nicht unüblich, dass der Lehrer einzelnen Schülern Stifte oder Hefte schenkt. Dieser Mangel behindert den Lernprozess der Kinder auch zu Hause, wo zuerst das älteste Kind bzw. der älteste Junge das Recht auf den einzigen Stift hat.

Wenn ein Schulabschluss ansteht, haben viele Kinder das Problem, dass sie ihr Alter und ihre Identität nicht nachweisen können. Ohne einen entsprechenden Nachweis, einen Auszug aus dem Geburtsregister, ist eine Teilnahme am Abschlusstest nicht möglich. Die Beschaffung des entsprechenden Dokumentes ist aufwändig und teuer. Nur selten setzen sich Lehrer in den Ferien der Regenzeit in diesen Fällen für ihre Schüler ein und nehmen Nachforschungen in den Heimatdörfern vor. Die Klassentür steht immer offen; auch der Luftzirkulation wegen. Wer zur Toilette oder zum Ausspucken nach draußen will, tut dies ohne um Erlaubnis zu fragen. Neben der Tür steht ein Eimer mit einem Trinkgefäß, das zwischendurch von den Kindern benutzt wird.

                    

Bei einem Gang über das Gelände komme ich an den Basthütten vorbei; aus einer dringt ein Gejammer. Im Vorbeigehen sehe ich durch die offene Tür einen Jungen auf dem Boden liegen, die Arme gegen den Stock des Lehrers über ihm abwehrend erhoben. Ich bin zu feige, einzugreifen oder zu fotografieren. In der Klasse von Max hängt neben dem Statistikblatt ein Auszug aus dem senegalesischen Schulrecht: "Tout châtiment corporel est strictement interdit" - "Jede körperliche Züchtigung ist ausdrücklich verboten". Und doch, sagt Max, ist das Prügeln bei den Kollegen immer noch recht verbreitet.

Neben der Prügelstrafe gibt es zahlreiche Gründe für den mangelnden Lernerfolg und für ein frühes Verlassen der Schule. Der Zustand der Toiletten auf dem Schulgelände der "école patate" bestätigt, was ich vor kurzem in einer Zeitung gelesen hatte. Die verdreckten Orte haben keine Türen; Mädchen, so war zu lesen, meiden die Schultoiletten oder auch die Schule, da es in den schmutzigen, teils einsehbaren Zellen zu Übergriffen durch männliche Schüler gekommen ist.

 

Eine schon verblasste comicartige Zeichnung weist auf die Gefahr der Landminen hin, die immer noch für einige Bereiche der Casamance gilt. Handicap International finanziert sowohl die Bemalung der Schulwände als auch großformatige bunte Plakate, die den Umgang mit verdächtigen Objekten auf Wegen und Feldern erläutern. Auch die Minenräumung wird von HI organisiert, wenn das Geld reicht.


Ein Metallschild vor der Schule weist wie überall im ländlichen Senegal auf die UNICEF-Bemühungen um Schulbesuch und Schulerfolg hin. Vor einer Reihe von Jahren hieß es auf den ersten Schildern dieser Art, die nach jeder Regenzeit weniger lesbar werden, "Je veux aller à l'école", etwas später "Je veux aller et rester à l'école", kurz darauf und bis heute: "Je veux aller et reussir à l'école" - eine Abfolge, die die Probleme des Schulbesuchs in diesem Land verdeutlicht.

Max korrigiert in der Pause auf einer Holzbank die kleine schriftliche Aufgabe, die er den Schülern gestellt hat. Heute, am Freitag, ist früher Unterrichtsschluss; noch eine gute halbe Stunde sitzen wir in der Klasse, dann ist für alle Wochenende, welches sich nicht groß von den anderen Tagen unterscheidet. Max leiht übers Wochenende sein Mofa einem Kollegen; wir kommen auf dem Weg zu seinem Haus an der Bar "Les Copains" vorbei, da sitzt schon der Kollege und gemeinsam trinken wir ein Bier aufs Wochenende.